Do

22

Mai

2014

Deutschland auf dem quantitativen Wachstumstrip

Der Begriff Wachstum wird in der Bevölkerung mit negativen Attributen in Verbindung gebracht: Umweltzerstörung, Raubbau von Rohstoffen, eine inhumane Arbeitswelt und damit, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Diese Vorbehalte bestehen zu Recht, denn unser Wirtschaftwachstum braucht eine neue Ordnung. Wenn Gutsituierte von steigenden Gewinnen profitieren, dann muss es denen, die schlechter dastehen, ebenso besser gehen. Es wäre eine der wichtigsten politischen Aufgaben überhaupt, mittels Steuern und anderen Lenkungsmaßnahmen einen Ausgleich zwischen Arm und Reich zu schaffen. Leider gibt es dazu nicht einmal Ansätze. Als simples Beispiel sei an das Kindergeld erinnert. Hier läge eine wahrlich einfache Lenkungsmöglichkeit. Doch völlig grotesk, kassiert selbst ein Millionär oder im schlimmsten Falle der Milliardär diese staatliche Unterstützung. An Kleinigkeiten wie dieser lässt sich die politische Abkehr von der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgabe ablesen. Werden Vorschläge zu einer gerechteren Verteilung angedacht, fallen postwendend die Totschlagvokabeln: Neiddiskussion, Sozialismus oder der »bösartige« Begriff der Umverteilung. Worte, die in allen politischen Lagern regelrechte Panikanfälle auszulösen scheinen. Unverzüglich wird abgetaucht, gekuscht und das Thema ist sofort vom Tisch. Eigentlich wissen unsere Politiker sehr wohl, dass es zu ihren ureigensten Aufgaben gehört, ein Gleichgewicht der gesellschaftlichen Schichten herzustellen. Das eine soll das andere nicht übertrumpfen! Doch der eingeschlagene Weg ist ein anderer: Alles wird der wirtschaftlichen Großmannssucht und ihren Profitinteressen untergeordnet.

Ist Ökonomie tatsächlich der alleinige Motor unseres Lebens?
Nein, es ist nur ein Teil des Ganzen. Was würde es unserer gehätschelten Wirtschaft und der Gesellschaft nützen, wenn beispielsweise Wissenschaft, Politik, Rechtssystem, Bildung und Umwelt unbrauchbar wären? Das Jammern der Industrieverbände ist doch heute schon groß genug, wenn es um das Bildungsniveau von Jugendlichen geht. Oder hören Sie sich bei den Menschen in den Ostländern um, die sich immer öfter fragen: »Was nützen mir die Freiheit und schöne Straßen, wenn ich keine Arbeit mehr habe oder für einen Hungerlohn malochen muss?« Was würde den Reichen ihr Geld bringen, wenn sie jeder berauben kann, da das Rechtssystem nicht funktioniert? Was bedeutet das fast religiös verehrte Wachstum in Ländern, in denen es keine Gerechtigkeit gibt? Gar nichts!

Wachstum muss dazu führen, dass es gesellschaftlich gerechter und humaner zugeht. Genauso wünschenswert ist es, für Werte wie bessere Luft, sauberes Wasser, regenerative Energien oder weg vom Öl verwendet zu werden. Wachstum soll zur besseren Qualität für uns alle führen und nicht nur für eine Minderheit der Bessergestellten mehr Geld bedeuten. Doch die ausgleichende öffentliche Hand ist nach wie vor mit dem Igitt-Faktor belegt. Der Gesetzgeber glaubt trotz permanenter Katastrophen innerhalb des Anschauungsobjekts der ungeregelten Bankenwelt weiter an die Selbstheilungskräfte der Märkte.

Qualität wird heute über Quantität definiert
Das heißt, jeder hat recht, der etwas millionenfach verkauft. Obwohl hohe Stückzahlen und Gewinne nichts über die Qualität der verkauften Produkte aussagen. Es kann sich sogar um absolut Minderwertiges handeln und zudem schädlich für uns alle sein. Nehmen wir den beängstigend ansteigenden Rüstungsexport. Diese Waffen sollen Menschen töten und können sich irgendwann gegen uns selbst richten. Oder denken wir an die bekannten Restaurants, die sich auf Hamburger spezialisierten. Die bloße Zahl von zig millionenfach verkauften Wabbel-Brötchen mit Hack sagt nichts über deren Qualität und den Verpackungsmüll aus, der bekanntlich auf Kosten der Regenwälder produziert wird. Doch Mengen und Umsatz scheinen immer mehr zum ausschließlichen Qualitätsmerkmal zu werden. Zahlen als Nonplusultra! Beispiele, die verdeutlichen, wie absurd dieses Denken ist: Steigende Beschäftigungszahlen aufgrund eines stetig anwachsenden Hungerlohnsektors werden mit einem beliebten Spruch legitimiert: »Sozial ist, was Arbeit schafft« (übrigens ein Slogan aus der Nazizeit). Mit diesem unsäglichen Satz könnte man auch Kinderarbeit und Zwangsarbeit für Erwachsene legitimieren. Auch für den Kursanstieg eines börsennotierten Unternehmens werden Massen-Entlassungen als rechtens angesehen. Eine TV-Sendung mit zehn Prozent Marktanteil ist »besser« und braucht weniger zu fürchten abgesetzt zu werden, als die mit sechs Prozent Einschaltquote. Der Inhalt und die Qualität der Sendung spielen keine Rolle mehr. Industrie und Politik sind einträchtig darauf fixiert, welchen Profit etwas abwirft. Vergessen wird das qualitative Wachstum, das besagt, dass es gerechter und qualitativ besser wird. Besser durch die Berücksichtigung der Faktoren: Umwelt, Ressourcen, humane Gesellschaftsbedingungen. Doch es fehlt an der Einsicht, dass eine quantitative Steigerung als »ein Mehr« und eine qualitative Steigerung als »das Bessere« verstanden werden. Weniger, als ein Mehr für unsere Lebensqualität.

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